Monday, 28 September 2015

[Savage Worlds] Rezension: Eris Beta-V

Von den drei Settingbänden zu THE LAST PARSEC habe ich mir Eris Beta-V als erstes vorgenommen. Sonderlich viel Fleisch ist an allen drei nicht dran, jedes ist ein vollfarbiges Hardcover mit knapp 100 Seiten. Rein optisch spricht mich das hübsche Layout an, mit zweispaltigem Text und grafischen Elementen in vier Blautönen. Die Artwork kann durchweg überzeugen, wobei insbesondere Bilder der Weltraumszenen und planetaren Oberflächen eine tolle Atmosphäre erzeugen (und größtenteils auch zum beschreibenden Text passen).
Die erste Hälfte des Bandes nehmen die Beschreibungen der einzelnen Örtlichkeiten ein, während die zweite Hälfte die Plot-Point-Kampagne zu Eris Beta-V enthält.

Ich will mal versuchen, die Rezension dieses Settingbandes nicht wie eine Inhaltsangabe aussehen zu lassen. Sondern die wesentlichen Aspekte dieses "Mikro" im großen TLP-Makro zu benennen, indem ich auf kampagnenrelevante Punkte eingehe.

Was genau umfasst Eris Beta-V auf der astronomischen Skala?
Dieses Setting beschreibt ein Sonnensystem (Hyaergos) am Rande einer galaktischen Leere und fokussiert sich auf den dritten Planeten (der Gasriese Eris), dessen Ringsystem sowie diverse Monde (8 Stück). Andere Planeten werden benannt, aber nicht im Detail beschrieben - sie spielen für den Rahmen dieses Settings keine wichtige Rolle. Die "Action" und das Leben finden im Einflußbereich des Gasriesen statt.

Was machen die Spielercharaktere da?
Primär beschäftigen sich die Sektorbewohner mit dem Abbau von Rohstoffen, welche vornehmlich aus dem komplexen Ringsystem des Gasriesen gewonnen werden. Dies ist ein heikles, aber gewinnbringendes Unterfangen, und steht zweifelsfrei im Fokus der Tätigkeiten, da das Verfahren (auch spieltechnisch) detailliert beschrieben wird. Zwei permanente Raumbasen (Goldpoint und Harmonia) im Orbit um zwei der Monde von Eris Beta-V dienen als Stützpunkte für Ansässige und Durchreisende; auf diesen können die SC allen möglichen anderen Tätigkeiten nachgehen, wenn sie nicht schürfen wollen. Durch das "Plot-Vehikel" JumpCorp ist hier vieles denkbar, insbesondere Sicherheit, Bergung und wissenschaftliche Forschung.

Als SC auf Asteroiden schürfen? Ist das spannend?
In diesem Falle eindeutig ja. Denn bereits das Schürfverfahren ist eine Herausforderung. Von speziellen "Schleppern" werden kleinere Schürfkapseln (komplett mit Besatzung und Ausrüstung) an aussichtsreichen Stellen in das Ringsystem geschossen. Durch eine präzise Antimaterie-Entladung höhlt die Kapsel einen Teil des Asteroiden aus, um sich dort "einzunisten". Durch ein zweites Verfahren wird der Eingang mit Wasser und Härtungsstoffen in Minutenschnelle verschlossen. Nun beginnt die Schürf-Crew im "Minecraft"-Style mit dem Abbau von Ressourcen aus dem Inneren heraus. Damit nicht genug - die Entstehung des Ringsystems geht nach wissenschaftlichen Untersuchungen auf die Kollision eines Mondes mit einem uralten, giganten Raumschiff zurück, von dem immer noch Trümmerteile im Gürtel verstreut sind. Und wer richtig Glück hat, findet in diesen seltsame, wertvolle Artefakte der ursprünglichen Sternfahrer, den sogenannten "Voidsmen". Berichten zufolge sollen sie latente Psi-Kräfte im Träger aktivieren!

Wie eigenständig ist das Setting denn? Kann ich das auch für X verwenden?
Eris Beta-V ist ohne größere Probleme für andere Sci-Fi-Hintergründe einsetzbar, dafür ist es autark genug. Das Hyaergos-System wäre z.B. mit minimalen Änderungen sowohl im Traveller- wie auch Star-Wars-Universum anzusiedeln, ohne "komisch" zu wirken (möglicherweise müssten einzelne Aspekte, wie z.B. die Schürfmethode, nochmal mit dem technologischen Status Quo des verwendeten Rollenspiels gegengecheckt werden). Inwieweit es mit den anderen Settingbänden und dem größeren TLP-Hintergrund kombinierbar ist, vermag ich noch nicht abschließend zu beurteilen - ich denke aber, daß hier eine ausreichende Homogenität besteht, schließlich gehören sie ja letztlich alle in den gleichen, großen Rahmen. In jedem Fall bietet dieser Band ausreichend Abenteuergelegenheiten, um eine mittellange Kampagne zu tragen (grobe Schätzung: ein Vierteljahr bei wöchentlichen Spielterminen).

Wieviel Hard-SF/Space Opera ist drin?
Man erhält die wichtigsten astronomischen Daten (Umlaufzeiten, Atmosphäre, etc.) und auch im Detail werden diverse, sehr spannende Phänomene beschrieben - darunter die sogenannten "Ringstürme" - die durchaus glaubwürdig erscheinen. Sie haben insbesondere für die Prospektoren in den Asteroidenringen ganz erhebliche Auswirkungen auf ihre Arbeit. Insgesamt wird ein Bild vermittelt, daß einem Astronomie-Laien (wie mir) nicht die Zornesröte ins Gesicht treibt. Weniger "hart" entwickelt sich dann irgendwann die Plot-Point-Kampagne, die in der Space Opera angesiedelt ist. Dennoch: dies ist sicher auch eine Frage der persönlichen Definition.

Wie gut ist es regelseitig erschlossen?
Es atmet die grundlegenden Tugenden von Savage Worlds und wird durch neue Handicaps, Talente und Settingregeln mit dem Spielsystem verzahnt (wobei hier auch das Science-Fiction-Kompendium mit einbezogen werden muss). Wie oben schon erwähnt, wird man als SL mit den nötigen Regeln versorgt, um die Besonderheiten von Eris Beta-V auch spieltechnisch umsetzen und den Spielern eine nachvollziehbare Spielumgebung präsentieren zu können. Zum Beispiel eben durch die Schürfmethode und welche Proben zu welcher Phase des Asteroidenschürfens zu leisten sind. Oder wie sich die Atmosphären der einzelnen Monde spielmechanisch auswirken. Auch wie die neuen Handicaps/Talente mit dem Setting verwoben sind, verdient Lob. Neue Ausrüstungsteile werden mit Werten beschrieben, darunter auch drei für dieses Setting wichtige Raumschifftypen. Ein Bestiarium am Ende des Bandes erläutert einige neue Kreaturen und wichtige NSC der Kampagne.

Okay - wie ist die Plot-Point-Kampagne?
Es scheint ja bei Savage Worlds üblich zu sein, mit der Plot-Point-Kampagne nachdrücklich auf das Setting einwirken zu wollen - ja, es in weiten Teilen vollkommen zu verändern. Das ist auch hier der Fall. Natürlich werde ich spoilerfrei bleiben (auch den Titel nenne ich an dieser Stelle nicht, wenngleich er den Spielern vermutlich nicht viel verraten dürfte), aber soviel sei gesagt: in der Kampagne geht man dem größten Geheimnis dieses Sonnensystems auf den Grund, besucht dabei sehr abwechlsungsreiche Schauplätze und erlebt sehr unterschiedliche Herausforderungen und Wendungen. Gerade für Spieler, die sich die Exploration des Unbekannten auf ihre Fahne geschrieben haben, ist diese Kampagne ein Genuß und ein echtes Abenteuer. Doch auch Spieler, denen der Sinn nach Intrigen, Sabotage und Verrat steht, bekommen ausreichend Gelegenheit, sich darin zu verstricken. Ich denke, daß mit dem richtigen Spielleiter den Spielern in dieser PP-Kampagne echt epische Momente beschert werden können.
Abschnitte der Kampagne sind sehr "sandboxig", wo den Spielern offen steht, wie sie größere Regionen erkunden - Begegnungstabellen und umweltbedingte Besonderheiten helfen dem SL bei der Abwicklung dieser Passagen. Andererseits muss der SL auch aufpassen, nicht in einige Railroad-Fallen zu tappen. Da einige Ereignisse ein gewisses Timing voraussetzen, könnte es passieren, daß die Spieler nicht immer zum opportunen Zeitpunkt zugegen sind. Die PP-Kampagne im Ganzen sollte daran aber nicht scheitern.

Klingt ja nett - wie sieht die Schattenseite des Planeten aus?
Viel Licht bedeutet ja im Weltraum nicht notwendigerweise viel Schatten. Es gibt aber ein paar Punkte, die ich anzumerken hätte. Hier und da könnten ein paar Elemente etwas ausführlicher beschrieben sein, aber das ist sehr wahrscheinlich meine persönliche Empfindung (da ich hier und da mit dem "Kurz & Knapp" von Savage-Worlds-Settings wohl erst zurechtkommen muss). So gibt es zu einigen Monden Oberflächenkarten, aber eben nicht zu allen - was mir aber gefallen hätte. Andere Dinge betreffen technische Details - so erscheint mir die Bevölkerungszahl der beiden Raumstationen (jeweils eine halbe und eine viertel Million) "gefühlt" deutlich zu hoch, wenn man ihre Abmessungen zum Vergleich dagegen hält (2 bzw. 3 Ringe mit jeweils zirka einer Meile Durchmesser, was aber in diesem Fall nicht ganz zur Abbildung passen will).
Aber im Großen und Ganzen gab es erstaunlicherweise nichts, was mir wirklich negativ aufgestoßen ist. Man sollte sich bewußt sein, daß dieser Settingband vom Umfang her geringer ist als bisherige, "typische" SaWo-Kampagnensettings.

Und sonst so?
Mit Eris Beta-V als Auftakt blicke ich den anderen Settingbänden mit großer Vorfreude entgegen. Das Lesen ist ein Vergnügen, der Schauplatz und seine Historie sind spannend und abwechslungsreich beschrieben und die Kampagne ein Füllhorn an coolen Ideen und epischen "Überraschungen". 7 Savage Tales - also kleinere, knapp beschriebene Abenteuer - bieten viel Abwechslung und können nicht nur in der PP-Kampagne "zwischengeschoben" werden, sondern illustrieren auch typische Ereignisse und Probleme des Settings, die ein SL gut für weiterführende, eigene Abenteuer nutzen kann. Leider (wenn man es denn so empfindet) erfährt man durch dieses Mikro-Setting innerhalb der TLP-Produktereihe nichts über das übergeordnete TLP-Setting, aber da dies sowieso eher als eine Art "Points of Light" konzipiert zu sein scheint, geht das wohl in Ordnung.
Abschließend würde mich noch interessieren, wie euch diese Art der Rezension gefallen hat. Oder ob es informativer wäre, wieder auf eine Kapitelabhandlung zu setzen, in der ich die Inhalte der Reihe nach vorstelle und kommentiere.

Danke für Euer Interesse & etwaiges Feedback.

2 comments:

  1. Das Reziformat find ich super :) Die meisten anderen Rezis sind ich brutal anstrengend zu lesen, aber die hier ist gut.

    Wirst du später noch einen Blick auf die Raumfahrtregeln des Settings oder gibt es dazu nichts mehr?

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    1. Hey, Jan, vielen Dank für's Feedback. Ich habe das noch im Hinterkopf mit den Raumfahrtregeln, aber es ist halt im Sci-Fi-Kompendium wenig dazu drin und ansonsten gibt's die Fahrzeugregeln aus dem SaWo-Grundbuch. Werde aber darauf noch eingehen (allerspätestens mit dem TLP-Corebook, sobald das verfügbar ist), da dieser Aspekt auch mich sehr interessiert und den ich persönlich gern geklärt hätte.
      Eine erste Zusammenfassung schreibe ich dann noch als Antwort auf Deinen Kommentar zur Sci-Fi-Kompendium-Rezi!

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