Thursday, 27 August 2015

#RPGaDAY2015 - Aus zwei mach' eins

Tag 27 von #RPGaDAY2015. Wer nicht weiß, was der Hashtag bedeutet, der liest einfach in meinem Eingangsthread nach. Die Frage heute lautet:

Welches war dein bester Einfall, um zwei Spiele miteinander zu kombinieren?


Ich selbst habe sicherlich auch schon mal zwei Spiele miteinander kombiniert, nur kann ich mich an keine singuläre, besondere Idee erinnern, die der geistige Vater des Ganzen gewesen wäre. Daher wähle ich mal ein existentes "Spiel" aus, daß zwei verschiedene Spiele zusammengelötet hat. Genau genommen ist es ein Setting für ein Spiel (Advanced Dungeons & Dragons), das diese Verschmelzung zum Feature hatte. Ich spreche natürlich von BIRTHRIGHT, das in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert. 

Setting-Logo vom fantastischen Tony Szczudlo
Birthright verknüpfte politisch-strategisches Aufbauspiel mit einem klassischen Rollenspiel-Setting. Darin konnte man ganz regulär Charaktere spielen, oder "blütige" Regenten, die besondere Kräfte besaßen und Oberhaupt eines Reiches innerhalb einer von 5 Nationen auf dem Kontinent Cerilia waren: das angelsächsisch-normannische Anuire, das wikingerartig-keltische Rjurik, das nach Vorbild der deutschen Hanse gestaltete Brechtür, das mauretanisch-arabische Khinasi und das barbarisch-osteuropäische Vosgaard. Auf das Setting als solches mit seiner Geschichte und seinen Möglichkeiten will ich hier nicht näher eingehen, sondern mich nur auf die Vermengung zweier Spiele konzentrieren.

Das besondere an Herrscher-Charakteren ist die Blutslinie, die auf einen der im großen Krieg am Berg Deismaar vernichteten Götter zurückzuführen ist. Je nach Abstammung verleihen diese Blutslinien den Charakteren besondere Fähigkeiten - etwa erweiterte Sinne, Kontrolle über Elemente oder einen eiserne Willenskraft. Blutslinien können verstärkt werden, entweder durch Raub (wozu ein anderer "Blütiger" besiegt werden muss), durch Vererbung (wo durch ein Ritual die Blutsstärke auf einen Nachfolger übertragen wird) oder durch Investieren von regency points.

Karte des Herrschaftsbereichs Müden mit seinen einzelnen Provinzen

Im Domänen-Spiel nun versucht man, viele regency points zu bekommen. Dazu verwaltet man sein Reich, daß in mehrere Provinzen aufgeteilt ist. Diese sind, wie auf der Karten oben zu sehen ist, mit kleinen Zahlenwerten versehen, die für die Stufe und die verschiedenen Besitzstände (holdings) oder Vermögenswerte (assets) stehen, die in der Provinz verfügbar sind. Hierzu zählen etwa Tempel, Gilden, Armeen oder Ley-Linien (die magische Kräfte kanalisieren). Hierbei ist interessant, daß nur Herrscher einer bestimmten Charakterklasse einige dieser Besitzstände oder Vermögenswerte angemessen ausschöpfen können (zwar kann z.B. jede Klasse Tempel kontrollieren, doch nur Kleriker-Regenten können sie nutzen, um Domänenzauber zu wirken (eine neue Form der Magieanwendung, entstanden aus der Verbindung zweier Spielkonzepte in diesem Setting).
Pro Domänenrunde (entspricht etwa einem Quartal "normaler" Zeit im Setting) kann man als Herrscher Aktionen ausführen, wie sie auch aus einschlägigen Aufbaustrategie-Simulationen bekannt sind: Diplomatie, Befestigen, Armeen bewegen, Steuern erhöhen oder senken, Krieg ausrufen, Forschung (magisch) betreiben, Handelsrouten einrichten, Charakter trainieren, Spionage versuchen, Agitation in einer Provinz probieren, um die Loyalität anzuheben und noch einiges mehr. Erfolg oder Mißerfolg dieser Aktionen schlagen sich in Goldeinnahmen (in der abstrakten Währung gold bar) und regency points nieder, die man dann erneut investieren kann. Für die Schlachten, die man führt, enthält BIRTHRIGHT ein komplettes Skirmish-System, das abstrakt (aber übersichtlich) für die einzelnen "Kriegsrunden" innerhalb des Aktionsabschnitts der Domänenrunde verwendet wird. Auf vielen handlichen Karten im Karteiformat sind die Werte für bestimmte Einheiten abgebildet, zusammen mit einer oft sehr stimmungsvollen Illustration der Truppe. Okay, eigentlich ist es mehr als nur "Skirmish".

Der Herrschaftsbereich Medoere mit Kartenaufriß für das detailliertere Rollenspiel
Eine etwas schwammig beschriebene Aktion im Domänenspiel ist dann "Abenteuer". Hier zieht der Regent los, um mal aus Burg oder Tempelfeste wegzukommen und sich auf eine große Queste zu begeben - oder um sich einfach mal persönlich um eine Angelegenheit zu kümmern. Schwammig ist das deshalb, weil diese Aktion innerhalb des Domänenspiels keine explizite Abwicklung kennt und hier einer der für mich entscheidenen Crossover-Punkte zum typischen AD&D-Kampagnenspiel entsteht. Denn der SL muss kleinere Abenteuer bereithalten, um diese Aktion eines Herrschers abwickeln zu können. Ob er dazu dann tatsächlich eine "richtige" Rollenspielrunde mit Verlies- oder Wildnisplänen auf Charakterebene ausruft oder das ganze deutlich abstrakter am Tisch abwickelt (was auch deutlich zeitsparender wäre, wenn der Rest der Gruppe hauptsächlich Domänenspiel betreiben möchte), obliegt dem einzelnen SL - es könnte holprig werden.

Für mich war damals, als ich mir 1995 die Grundbox gekauft habe, das Setting als solches interessanter als das Domänenspiel (zu dem es auch den PC-Titel "The Gorgon's Alliance"/"Die Dunkle Allianz" von Sierra gab) und ich habe es folglich nur für das Rollenspiel eingesetzt. Die Interessenlage hat sich mittlerweile geändert und ich glaube, ich hätte großen Spaß daran, diese ungewöhnliche Verquickung zweier Spielgenres auszuprobieren. Witzig könnte ich mir auch vorstellen, eine Gruppe "normaler" Abenteurer in Cerilia im Rollenspiel zu verfolgen, während im Domänenspiel mit den gleichen oder anderen Spielern dann die globalen Veränderungen getroffen werden, die sich wiederum für diese Abenteurergruppe auf verschiedenste Weise auswirken. Könnte spannend werden!

In jedem Fall ist BIRTHRIGHT ein aufwendig gestaltetes und wundervoll illustriertes Fantasy-Mittelalter mit epischer Breite und Stimmung, zu dem u.a. zahllose Player's Secrets erschienen sind, die jeweils eines der Herrschaftsgebiete aus den oben erwähnten Nationen für Spieler aufbereitet haben - komplett mit Karten, Historie, NSC, Abenteuerideen und Strategie-Tipps für das Domänenspiel. Ich denke, es hätte unbedingt eine Zweitverwertung verdient. Nach Greyhawk wohl mein zweitliebstes AD&D-Setting.

Falls jemand noch mehr zur Aktion #RPGaDAY2015 lesen möchte, findet er u.a. auch in diesen Blogs Artikel dazu: Greifenklaue's Blog, De Malspöler, Mondbuchstaben, Jaegers.Net, Le joueur de Prusse en exil. Oder er guckt bei rsp-blogs vorbei, da wird er sicher auf noch mehr Blogs aufmerksam.

8 comments:

  1. Als Birthright 1995 erschien, war ich der Meinung, das allerbeste Kampagnensetting vor mir zu haben, das TSR jemals gemacht hat. (Dass ich dennoch Birthright immer "vergesse", wenn es mal um die Frage nach dem besten TSR-Setting geht, liegt an dem IMAGINE-Magazin-Setting Pelinore, das ja faktisch auch ein TSR-Setting war - und das liegt mir als "Brit-Fantasy"-Fan einfach noch näher...)

    Aber ja, Birthright war von allen offiziellen TSR-Settings das durchdachteste, und mit seinen "Highlander"-ähnlichen Trägern göttlicher Energie, seinen xenophoben Elfen, seinen individuellen Monstern/monströsen Individuen (THE Gorgon, THE Spider) ein EDO-Setting mit erstaunlicher Eigenständigkeit.

    Und wie bei dir habe ich damals das Setting auch "nur" aus der Warte eines normalen Settings für gewöhnliche Gruppenquesten gesehen, und diese ganze Domänenverwaltung als nettes Gimmick betrachtet ("wer sowas braucht, für den ist es im Spiel drin").

    Da war schon erstaunlich viel Game of Thrones drin...

    ReplyDelete
    Replies
    1. Jau, danke für die Erwähnung von Highlander - das wollte ich eigentlich noch reinschreiben. Allein durch die Tighmaevril-Waffen, mit denen man halt die Energie rauben kann. Aber ich mochte auch die "Deutschen" in dem Setting und fand den Namen Brechtür sowie viele der Provinznamen einfach nur herrlich.
      Und ja... rückblickend eignet es sich auch verdammt gut für Game-of-Thrones-ähnliches Gameplay. Was Pelinore angeht, das habe ich nur mal gestreift - vielleicht magst Du ja mal eine Weltvorstellung in deinem Blog schreiben (falls Du es nicht schon getan hast)?

      Delete
  2. Birthright, stimmt, das ist ja schon eine Art Mix.Ich war ja vorab von Kingmaker sehr begeistert, was ja von seiner Idee viel von Birthright hatte, aber gerade diese Verwaltungsregeln stellten sich nicht als Zusatzspaß wie gedacht sondern recht dröge raus (Stichwort: zu sehr deterministisch, zu sehr vorsehbar). Hast Du da auch Birthright schonmal in der Praxis erlebt?

    ReplyDelete
    Replies
    1. Nein, wie ich erwähnte, habe ich das Domain-Play nie richtig betrieben. Das Warfare-System gefiel mir aber, damit habe ich ein wenig herum experimentiert (erinnert durch die Karten im Nachhinein ein ganz klein wenig an Summoner Wars). Ich kann mir aber nicht vorstellen, daß KINGMAKER und BIRTHRIGHT von diesem "Spielmodus" her vergleichbar sind. Bei BR ist das ja ein richtig vollwertiges Game, daß komplett separat von der Nutzung als Kampagnensetting fürs Rollenspiel funktioniert.

      Delete
  3. Möglicherweise aber trotzdem ernüchternd. Aber zumindest klingt es gehaltvoller - und mit mehr gleichwertigen Optionen, was man so treiben kann.

    ReplyDelete
  4. Birthright erlebte eine kleine Renaissance mit dem D20 Regelwerk,
    Gibt's im Netz als PDF z.b. unter:
    http://de.scribd.com/doc/113124442/D-D-Birthright-pdf#scribd
    unter www.birthright.net gibt's auch Birthright für D&D4 und 5.


    ReplyDelete
    Replies
    1. Ja, danke für den Hinweis, Tanja. Das auch für D&D 4 und 5 umgesetzt wurde, war mir nicht bekannt, aber die früheren Adaptionen habe ich mir selbst auch schon angesehen. Die Fanbasis ist da wohl sehr wacker. Ich würde mich wahnsinnig freuen, wenn es auch "offiziell" neu aufgelegt werden würde.
      Witzigerweise empfand ich (A)D&D nie als besonders "passiges" System für diese spezielle Hintergrundwelt mit ihren Eigenarten. War zusammen mit DARK SUN das einzige offizielle Setting, bei dem ich das Gefühl hatte.

      Delete
  5. Schöne Übersetzung im Titel :)

    ReplyDelete