Tuesday, 15 January 2013

Der Hobbit - "Schärfer als die Realität"

Mit diesem Slogan wirbt (oder warb, ich gucke kaum noch Fernsehen) ein privater Fernsehsender für seine HD-Ausstrahlung. Trifft doppelt auf Peter Jacksons neuen Film zu. Aber wenn etwas schärfer als die Realität ist, dann ist es per Definition unrealistisch. Und so wirkt DER HOBBIT über weite Strecken auf den Betrachter. Da das menschliche Auge nur etwa 24 Bilder pro Sekunde wahrnehmen kann, läuft bei 48 Bildern pro Sekunde alles etwas schneller ab. Man gewöhnt sich zwar teilweise dran, aber trotzdem hat es einen gewissen, leicht ulkigen Effekt - fast wie die Sketche von Benny Hill. Apropos Sketche: den Klamauk-Faktor hat Peter Jackson in Bezug auf die Zwerge nochmal ordentlich nach oben geschraubt, was für meinen Geschmack deutlich zu viel des Guten ist, da ich es in HdR schon bei Gimli nervig fand. Man würde wahrlich nicht für einen Moment annehmen, dass diese Truppe in der Lage ist, einem Drachen den Hort wegzunehmen.
Abgesehen von Thorin und Balin, die sich etwas Würde bewahren, ist der Rest des Haufens ein chaotisches Skurrilitätenkabinett. Auch sehen viele einfach nicht "zwergisch" aus - immer vom seit Jahrzehnten in der Fantasy geprägten Bild ausgehend. Viele haben noch nicht mal einen vernünftigen Bart. Pfui! Auf der Plus-Seite kann man die 13 Nasen dafür besser unterscheiden, auch ihre Persönlichkeiten werden in einigen Szenen ein wenig herausgestellt.

Quelle: Filmthrasher
Aber der Klamauk betrifft weitestgehend die haarsträubenden Szenen, in die der Haufen um Gandalf und Bilbo gerät. Ob es gegen die Trolle Tom, Bert und Bill geht, gegen den Bilwiss-König unter dem Berg oder um die Flucht vor berghohen Steinriesen - man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass man in einer Vergnügungspark-Attraktion sitzt, die sorgfältig einstudiert und bewußt auf waghalsige Schauwerte getrimmt wurde. Das die ganze Truppe jeweils ohne nennenswerte Schäden diesen Kalamitäten entkommt, strapaziert die Glaubwürdigkeit aufs Äußerste. Da hilft es auch nicht, das sie Gandalf aus fast jeder brenzligen Situation herausholen muss. Stellte man sich vor, das Ganze wäre ein Rollenspielabenteuer, dann würde Gandalf den Part eines Railroading-Über-NSC spielen, der die Truppe ungebührlicher Spieler ständig vor TPKs bewahrt, damit sie das geplante Finale erleben dürfen. Ebenfalls der Schrulligkeit zuviel war Radagast der Braune, der als verschrobener Einsiedler mit Vogelscheiße im Haar auf einem Karnickel-Schlitten eine Lachnummer mimt - ehrlich, für einen Moment glaubte ich, Herr Jackson hätte mich nach Oz entführt oder aber plante einen Cameo-Auftritt von Catweazle. Ich fand den braunen Zauberer einfach over-the-top, auch, wenn man sich vor Augen hält, das Herr Jackson mit diesem Werk auch die jüngere Zielgruppe erreichen will (oder erreichen mußte, man weiß es nicht).

DER HOBBIT macht dann auch das, was ich befürchtet hatte: er dehnt die 80 Jahre alte Kindergeschichte enorm und enthält somit viele Szenen, die man auch prägnanter und kürzer hätte machen können, um das ganze Abenteuer in vielleicht zwei oder sogar nur einem überlangen Film zu erzählen.

Aber trotz des Gemeckers - DER HOBBIT hat einige positive Seiten zu bieten. Martin Freeman etwa, der in der Rolle des jungen Bilbo einfach wunderbar spielt und meine Sympathien jederzeit halten konnte. Thorin Eichenschild war zwar recht bartarm für einen Zwergenanführer, doch hat Richard Armitage ihn sehr gut und charismatisch verkörpert. Auch die schwelgerischen Landschaften - ob nun die saftigen Hänge des Auenlandes oder die kargen Klippen der Nebelberge - wurden stimmungsvoll inszeniert und sind ein Augenschmaus. Und selbstverständlich war Herr Serkis als Gollum war wieder einmal ein Schaustehler - die Rätselszene zwischen ihm und Bilbo war für mich einer der Höhepunkte des Films.

Bleibt als Fazit festzustellen, dass die Tricktechnik verdammt weit gekommen ist, aber in ihrer Perfektion nicht etwa mehr Immersion ermöglicht, sondern sich eher fremdhaft und seltsam künstlich gebärdet. Zumindest mit Multiframe und in 3D. DER HOBBIT bleibt dennoch ein Fantasyspektakel, das man als Genre-Freund und besonders als Rollenspieler nicht versäumen sollte - und sei es auch nur, um mit Grausen festzustellen, wie massiv Tolkiens literarisches Erbe multimedial ausgeschlachtet und franchisetechnisch verwurstet wird. Ich bin jedenfalls lange nicht so begeistert aus dem Kino gekommen wie seinerzeit bei "Die Gefährten". Bleibt abzuwarten, was die Fortsetzungen noch aus dem Hobbit "herausholen".

10 comments:

  1. Dem kann ich mich nur voll und ganz anschliessen.

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    1. You're welcome! ;)
      Tatsächlich war die ganze Freundeschar, mit der ich im Kino war, nicht so wirklich hingerissen. Irgendwas schmeckte uns allen nicht.

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  2. Ich habe den Film jetzt noch ein zweites mal im Kino gesehen und irgendwie ändert sich die Wahrnehmung.

    Die Flucht aus der Goblinstadt wirkt beim zweiten mal ansehen nicht so übertrieben Benny Hill mäßig. Immernoch ein hauen und laufen aber irgendwie konsistenter. Und die Steinriesen waren im Buch. Nicht in dem Detail, aber hey, das ist ein Kinofilm und keine dokumentation.

    In den meisten Punkten gebe ich dir natürlich Recht. Die Zwerge könnten Zwergiger sein und weniger Klamaukmäßig daherkommen. Aber beim zweiten mal schauen stört mich das nicht mehr.

    Bei einem der Produktionsvideos sagte einer der Zwerge dass die Zwergengruppe so eine Art Special Forces sind, die einfach irgendwo hingehen und das einfach machen. Und so kommen mir die auch vor. Das ganze rumgeunke, gelaufe, aufeinadergespringe ist eine Heldengruppe die seit einer ganzen Weile unterwegs ist. Da muss nichts wachsen, sondern die sind eine Gang.

    Deshalb verbuche ich die meisten Wirtshaus, Pups und saufgags mehr unter kumpels die miteinander ohne ihre Freundin rumhängen. Da wird auch mehr gelacht, geworfen und gerülpst. Zumindest ist das bei mir so. :)

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    1. Ja, aber "Special Forces" gehen nicht einfach irgendwo hin und machen das dann irgendwie. Die planen auch - und zwar amtlich - selbst wenn sie am Ende bestimmt auch improvisieren müssen!
      Aber davon abgesehen hast Du mit der "Truppe Freunde", wie Du sie siehst (und was sie sicherlich auch sind), schon recht. Es nimmt sich dann nur komisch aus, wenn Thorin Eichenschild und andere wieder und wieder feststellen, was für ein Nixkönner Bilbo ist, wenn sie sich selbst kaum die Schuhe zubinden können.

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  3. Bzgl. der Technik hab ich gelesen, dass das neue Verfahren eigentlich mit neuer Technik abgespielt werden müßte. Da darin kaum einer investiert hat und stattdessen alte Technik nutzt, wo eben ein etwas seltsamer Effekt entsteht.

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    1. Bin zwar kein Experte, aber würde doch annehmen, das im Cinemaxx derartige Technik vorhanden ist?!

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  4. Ich hab das nur gelesen, ohne mich da vertiefend mit beschäftigt zu haben, demnach ist die Umrüstung auf dieses neue Format quasi noch nicht geschehen in Deutschland - große Investitionen, wenige Filme. Wenn ich nochmal drüber stolpere, meld ich mich ...

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    1. So hier: "Nachdem es zunächst hieß, dass nur wenige Kinos die HFR-Fassung vom Hobbit erhalten sollen, berichtet man nun inoffiziell von rund deutschen 150 Kinos- ein guter Start! Die erste Hiobsbotschaft ist bestätigt: es wird aus technischen Gründen keine Fassung vom Hobbit in einer 4K- Auflösung UND High Frame Rate 3D geben. Dafür aber schärfere und realistischere Bilder in 2K mit eben 48 Bildern pro Sekunde und, da in 3D, pro Auge. Dafür sind technische Erweiterungen notwendig."
      -> http://www.digitaleleinwand.de/2012/11/16/der-hobbit-eine-unerwartete-reise-die-aktuelle-uebersicht-der-deutschen-hfr-3d-kinos/

      Von dort aus gibt es auch weitere Infos bei den verlinkten Artikeln und unten auf der Seite ist ne Liste mit Kinos, wo WOB nicht dabei ist.

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    2. Es wäre interessant zu erfahren, ob der Film dann wirklich weniger künstlich wirkt. Teilweise hatte man den Eindruck, man schaue sich die Tech-Demo einer neuen Generation von Grafikkarte auf einem High-End-PC an.

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  5. Ich meine auch, das beim zweiten mal anschauen der Chefork, der vom Bösen Bruder vom Hund aus der ersten Staffel von Game of thrones gespielt wurde, jener Ork nun weniger computeranimiert aussah. Beim ersten mal sah er wie eine PC zwischensequenz und beim zweiten mal irgendwie plastischer.

    Vielleicht ist es gewöhnung, oder die haben die Farben ein wenig runtergedreht im Cinemaxx.

    Läuft der Film hier irgendwo ohne 3D?

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